Freitag, 7. Juni 2019

Das Ritual durch eine Ausrede ersetzen

Innig: Die jungen Finninnen auf Postcrossing.com haben natürlich auch die weiten Wälder, wo sie sich austoben können.
Sein Morgenritual war theoretisch das Postkartenschreiben. Da ihm aber die Adressaten ausgingen und er die Liste der Zügelcrew, die er in zwei Wochen eingeladen hatte, verhühnert hatte, ersetzte er das Ritual durch einen Morgenschwumm im See. Auf Rechtschreibung wurde bewusst keine Rücksicht genommen. Mittlerweile waren es aber schon an die 700 publizierte Pläne. Er war zu einem Profi im Pläneschmieden geworden. Also ein Planschmied.

Donnerstag, 6. Juni 2019

In letzter Minute einen Kaffee zubereiten


Das Schiff war berühmt für sein Raucherdeck. Frühmorgends trafen sich dort Rentner mit Zigarren und fühlten sich frei.
Das Wetter war an jenem Tag aber so schrecklich, dass es nicht in Frage kommt, den alten Anlegerspruch «when the going gets tough....» anzuwenden. Er kam einfach nicht in die Gänge. Und auch nicht aus dem Haus. Die vielen Pendenzen belasteten ihn. Also gönnte er sich den zweiten Tibeter, um den Yogapegel eines Sportlers zu erreichen. Womit hatte er das verdient?

Mittwoch, 5. Juni 2019

Als wäre alles das letzte Mal

David im Dreck, die Basler reklamieren: Eine Szene wie so viele, aber man sieht das Siehe LNN natürlich nicht.
Er begann seinen Tag wie ein Buchhalter. Jedes Register wurde doppelt geführt, aus Gründen der Sicherheit und der Redundanz. Und wenn es regnete, war sein Morgenritual einer der sieben Tibeter.

Dienstag, 4. Juni 2019

Wer beantwortet jetzt meine Fragen?

Dramatischer Sonnenuntergang mit Feliz Saionara: Zedmic kam noch einmal kurz zurück, um auf Wiedersehen zu winken.
«Ich habe schlechte Erfahrungen mit Erziehungstipps in Internetforen gemacht. Die Leute sind dort unecht, moralinsauer und alarmistisch. Gibt es entspannte Foren?» Klaus K. aus B.

Paulo Zedmic: Nein. Ich kann das Internet leider pauschal nicht empfehlen. Ich war ja früher im virtuellen Raum schon sehr zurückhaltend. Das Internet hat mir noch nie beim Rasenmähen geholfen, wenn du weisst, was ich meine. Und aufs Facebook-Freundesammeln kann ich auch verzichten, mir reicht einer: Basil, der Philosoph. Der hat auch einen Lastwagen, den man mal ausleihen kann. Seit ich den Familien-Computer zusammen mit Achim entsorgt habe – beziehungsweise Achim mit dem Computer bei seiner Mutter Inge installiert (siehe Folge 21), seitdem lebe ich ganz offline. Inge hat sich übrigens für den Computer bedankt. Achim habe ihr sogleich ein Parship-Login und ein paar vielversprechende Dates beschert.
Ich bin jedenfalls gern ein Ewiggestriger. Die eigene Erfahrung zählt! In der Erziehung wie im Hallenbad. Deswegen wäre es auch alles andere als seriös, würde ich weiter hier Erzieher spielen, wo ich doch nun nach erfolgreicher Liquidation meiner Grossfamilie allen akuten Aufgaben entbunden bin. Ich gebe mich sicher nicht hin, einen Internet-Chat zu moderieren. Hoch lebe die traditionelle Medienwirtschaft!
Ein Sack voller Fragen
Mein Ältester Sebastian hat mir letzthin ein Geständnis gemacht. Ich hatte ihn in einer Phase der Arbeitsüberlastung meinerseits und in einem Beschäftigungsvakuum seinerseits mit der internen Postzustellung beauftragt.
Ein typischer Tellerwäschereinstieg, fand ich. Und gerade für einen wie Seb eine Riesenchance. Nun kommt er aber mit einem Sack nie verteilter Korrespondenz. Darin finde ich Hunderte von Leserfragen verzweifelter Eltern, die sich an mich gewandt hatten. Meine Güte, so viele nicht beantwortete Fragen! Wenn ich diesen Fundus gehabt hätte, vielleicht hätte ich den Bettel nicht einfach hingeschmissen. Weitere Vorteile von Briefen gegenüber E-Mails: Sie bleiben länger erhalten. Und man braucht eine Arbeitskraft, um sie zu entsorgen. Ich habe ja mein Altpapier-Entsorgungs-Diplom nicht ohne Grund gemacht.
Moderner Teilzeitpapa
Seit ich die Zöglinge los bin, weiss ich weiss Gott Besseres, als zu surfen. Ich geniesse zum Beispiel meine wiedergefundene Freiheit in vollen Zügen. Ja, ich pendle, mit der S-Bahn. Seit Kurzem habe ich auch wieder Zeit für Makramee, lese Philosophiebücher und habe etwas zugenommen. Einsam bin ich nicht. Denn Feliz, meine Sonne, ist ja zurückgekommen!
Die Bäuerin im Säuliamt war gar nicht so nett. Sie dachte, mit dem Zustupf bei der Übergabe hätte sie auch Feliz’ Arbeitskraft entgolten. Sie liess die Kleine im Schweinestall Perlen suchen und solche Dinge. Aber Feliz ist doch nicht Aschenputtel. Kinderarbeit ist gut und recht, solange sie in der Familie bleibt.
Mit meinem Restpack bleibe ich in einem gesunden Mass in Kontakt, ohne mir neue Pflichten aufzubürden. Zufälligerweise bin ich im gleichen Kirchenverein mit dem Mann, dem das Fürsorgeamt meinen jüngsten Nils zugewiesen hat. Wir verstehen uns prächtig. Er nimmt Nils manchmal mit in die Chorprobe. Das ist dann wie Kidsharing. Die Kinder machen ja eh, was sie wollen, wie alle Regierungen. Den entscheidenden Vorteil meines Laissez-faire-Prinzips realisierte ich übrigens erst nach dem Abschluss des Erziehungskapitels: Man kann viel entspannter loslassen, weil es keine harte Abnabelung gibt. Im Grund hat sich also nichts geändert – und unbeantwortete Fragen wird es intern wie extern weiterhin viele geben.

Paulo Zedmic (43) hatte mal sechs Jobs und sechs Zöglinge in seiner Obhut, bevor er einen Punkt machte.

Montag, 3. Juni 2019

Warum heisst der Flohmarkt so?

Wer das liest, will sich kratzen. Denn den Begriff Flohmarkt haben wirklich Kleinlebewesen geprägt. Perücken machten es möglich.
Ach, die gute Erymologie. Manchmal scheint mir die Wissenschaft von der Herkunft der Wörter ein Festival der Mutmassungen zu sein. Beim Flohmarkt ist das anders. Dort sind sich für einmal alle Etymologen einig.Denn die Herkunft des Wortes liegt auf der Hand. Der Name des Flohmarkts kommt tatsächlich von den Flöhen, die schon auf den ersten Gebrauchtwarenmärkten mit dabei warenund zusammen mit gebrauchten Kleidernund Perücken den Besitzer wechselten. Mehr Mysterium um das Wort gibt es nicht. Doch es gibt unter den Hobby-Etymologen auch erfinderische Deuter, die trotzdem subversiv versuchen, neue Herkunftsthesen in Umlauf zu setzen. Das englischsprachige Internet-Lexikon wordorigins.org beschäftigt sich mit solchen Mythen, die in der Wortkunde des Alltags umhergeistern. So behaupten manche. das Wort Flohmarkt komme von derTatsache, dass Flohmärkte im Gegensatz zu Korn- und Weinmärkten nie am gleichen Ort gewesen seien, sie wären eben wie ein Floh von Ort zu Ort gehüpft. Bei den anderen Etymologen kam diese These aber nicht so gut an, weil sie offensichtlich von zuweit her gehüpft kam.
Paris, London, Luzern
Belegt ist aber, dass der Ausdruck Flohmarkt aus dem Französischen stammt. In Paris hiessen die Märkte für Gebrauchtwaren zuerst «marché aux puces». Dieser Begriff wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ins Englischeund Deutsche übersetzt und übernommen. Zum Glück hat sich nicht nur das Wort,sondern auch der Flohmarkt selbst auf derganzen Welt etabliert. Natürlich auch in Luzern, wo der Flohmarkt am Reusssteg seit fast 40 Jahren jeden Samstag von Mai bis Oktober Scharen von Schnäppchenjägern anzieht. Neben Kleidern und alten Hüten werden Antiquitäten, Apparate und allerlei Alltagskram angeboten. Liebhaber schätzen das entspannte Markttreiben unter freiem Himmel, wenn auch nicht ganz auszuschliessen ist, dass der eine oder andere Floh aufeinen neuen Besitzer wartet. Das Flohmarkthaus in Luzern ist auch in den Wintermonaten offen.

Sonntag, 2. Juni 2019

Familienkutschen kosten ja nichts


Bevor unser Kolumnist eine Familie hatte, brauchte er auch kein Auto. Nun wundert er sich, wie das ungeliebte Fahrzeug in sein Leben gerollt ist.

Autos sind doof. Ich war nie ein Autofan. Trotzdem denke ich manchmal, es wäre schön, einmal ein Auto zu kaufen. Neulich las ich auf Twitter, dass Google bald den automatischen Fahrer ohne Auto präsentiert. Und die Langstrasse wird auch bald autofrei. Der Fortschritt ist also unaufhaltsam. Und das Automobil dem Tod geweiht. Aber wenn es sein muss und aus Kübeln hagelt, sind wir natürlich trotzdem froh, den Führerausweis zu besitzen. Die Lizenz zum Kutschieren, quasi.

Samstag, 1. Juni 2019

Ganz spontan

Das Team der Juve von 1940-1941 passt überhaupt nicht ins Konzept. Gerade deswegen ist es programmatisch passend.
Ärgerliche Texte. Intellektuelle Auseinandersetzungen. Ein Newsticker. Inspiration. Staccato. Eigentlich mache ich ja schon gern ganze Sätze, und so ein Einstieg ist nicht mein Stil. Und was wollte ich sagen? Der Historiker Remo Grolimund ist ETH-Professor und ein kluges Haus. Er mag Philosophen, Musik und kennt sich auch in Memetik aus. Neulich hörte er mit Twitter auf. Man sollte es ihm nachtun.