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Dienstag, 4. Juni 2019

Wer beantwortet jetzt meine Fragen?

Dramatischer Sonnenuntergang mit Feliz Saionara: Zedmic kam noch einmal kurz zurück, um auf Wiedersehen zu winken.
«Ich habe schlechte Erfahrungen mit Erziehungstipps in Internetforen gemacht. Die Leute sind dort unecht, moralinsauer und alarmistisch. Gibt es entspannte Foren?» Klaus K. aus B.

Paulo Zedmic: Nein. Ich kann das Internet leider pauschal nicht empfehlen. Ich war ja früher im virtuellen Raum schon sehr zurückhaltend. Das Internet hat mir noch nie beim Rasenmähen geholfen, wenn du weisst, was ich meine. Und aufs Facebook-Freundesammeln kann ich auch verzichten, mir reicht einer: Basil, der Philosoph. Der hat auch einen Lastwagen, den man mal ausleihen kann. Seit ich den Familien-Computer zusammen mit Achim entsorgt habe – beziehungsweise Achim mit dem Computer bei seiner Mutter Inge installiert (siehe Folge 21), seitdem lebe ich ganz offline. Inge hat sich übrigens für den Computer bedankt. Achim habe ihr sogleich ein Parship-Login und ein paar vielversprechende Dates beschert.
Ich bin jedenfalls gern ein Ewiggestriger. Die eigene Erfahrung zählt! In der Erziehung wie im Hallenbad. Deswegen wäre es auch alles andere als seriös, würde ich weiter hier Erzieher spielen, wo ich doch nun nach erfolgreicher Liquidation meiner Grossfamilie allen akuten Aufgaben entbunden bin. Ich gebe mich sicher nicht hin, einen Internet-Chat zu moderieren. Hoch lebe die traditionelle Medienwirtschaft!
Ein Sack voller Fragen
Mein Ältester Sebastian hat mir letzthin ein Geständnis gemacht. Ich hatte ihn in einer Phase der Arbeitsüberlastung meinerseits und in einem Beschäftigungsvakuum seinerseits mit der internen Postzustellung beauftragt.
Ein typischer Tellerwäschereinstieg, fand ich. Und gerade für einen wie Seb eine Riesenchance. Nun kommt er aber mit einem Sack nie verteilter Korrespondenz. Darin finde ich Hunderte von Leserfragen verzweifelter Eltern, die sich an mich gewandt hatten. Meine Güte, so viele nicht beantwortete Fragen! Wenn ich diesen Fundus gehabt hätte, vielleicht hätte ich den Bettel nicht einfach hingeschmissen. Weitere Vorteile von Briefen gegenüber E-Mails: Sie bleiben länger erhalten. Und man braucht eine Arbeitskraft, um sie zu entsorgen. Ich habe ja mein Altpapier-Entsorgungs-Diplom nicht ohne Grund gemacht.
Moderner Teilzeitpapa
Seit ich die Zöglinge los bin, weiss ich weiss Gott Besseres, als zu surfen. Ich geniesse zum Beispiel meine wiedergefundene Freiheit in vollen Zügen. Ja, ich pendle, mit der S-Bahn. Seit Kurzem habe ich auch wieder Zeit für Makramee, lese Philosophiebücher und habe etwas zugenommen. Einsam bin ich nicht. Denn Feliz, meine Sonne, ist ja zurückgekommen!
Die Bäuerin im Säuliamt war gar nicht so nett. Sie dachte, mit dem Zustupf bei der Übergabe hätte sie auch Feliz’ Arbeitskraft entgolten. Sie liess die Kleine im Schweinestall Perlen suchen und solche Dinge. Aber Feliz ist doch nicht Aschenputtel. Kinderarbeit ist gut und recht, solange sie in der Familie bleibt.
Mit meinem Restpack bleibe ich in einem gesunden Mass in Kontakt, ohne mir neue Pflichten aufzubürden. Zufälligerweise bin ich im gleichen Kirchenverein mit dem Mann, dem das Fürsorgeamt meinen jüngsten Nils zugewiesen hat. Wir verstehen uns prächtig. Er nimmt Nils manchmal mit in die Chorprobe. Das ist dann wie Kidsharing. Die Kinder machen ja eh, was sie wollen, wie alle Regierungen. Den entscheidenden Vorteil meines Laissez-faire-Prinzips realisierte ich übrigens erst nach dem Abschluss des Erziehungskapitels: Man kann viel entspannter loslassen, weil es keine harte Abnabelung gibt. Im Grund hat sich also nichts geändert – und unbeantwortete Fragen wird es intern wie extern weiterhin viele geben.

Paulo Zedmic (43) hatte mal sechs Jobs und sechs Zöglinge in seiner Obhut, bevor er einen Punkt machte.

Sonntag, 21. April 2019

Wie räumt man ein Kinderzimmer auf?

Am Anfang waren es fünf, dann kam noch der kleine Nils dazu. Nun ist Herr Zedmic sie schon fast alle wieder los.
«Meine zwei Töchter (18 und 19) sind ausgeflogen. Sie kommen höchstens noch einmal pro Quartal nach Hause. Soll ich ihnen ihren Kram nachsenden?» Peter F. aus K.

Paulo Zedmic: Nein, das ist die Mühe nicht wert. Ich komme gerade von der Entsorgungsanlage,
wo ich die Mulde mit der gesamten Einrichtung all meiner verlorenen Zöglinge ausgekippt habe. Alles in globo, von Feliz’ Plüschtieren bis zu alten Playstations sowie jede Menge Redbull-Alu-Büchsen von Louis und Achim, samt dem ganzen Mobiliar. Es gab eine halbe Tonne Material, Kollege Hans lieh mir den Lastwagen. Sortieren hätte nur unnötig Zeit verbraucht, dafür haben sie im Werkhof ja tatkräftige Fachkräfte herumstehen. Jedenfalls scheinen mir die Köpfe dort einiges heller als jene der feinen Damen vom Sozialamt, Abteilung Kindsentzug, aber dazu später. Die Entsorgungsaktion hat überhaupt nicht weh getan und mein Haus ist jetzt leer, sowohl materiell wie auch menschlich, leider.
Idylle vor dem Sturm
Ich hatte ja gerade angefangen, mein neues Leben mit reduzierter Zahl Mündel zu geniessen.
Ich lebe ja nun schon mehr als 25 Jahre in der Schweiz, aber das erste Mal kam ich mir ein bisschen normal vor, alleinerziehend mit zwei Kindern. Fehlte nur noch ein Hund zur Musterfamilie, oder? Gut, vielleicht hätte ich dann auch einen einzigen Vollzeitjob gebraucht statt meiner diversen Allrounder-Aufgaben. Aber wenigstens habe ich so nun etwas zu tun. Ich hatte sie wirklich gern in letzter Zeit, meine zwei verbliebenen Kindsköpfe Nils (1) und Linda (19).
Linda war ja immer eine grosse Hilfe, wenn sie mal da war, nicht nur als Schreibkraft im Haus. Sie feierte auch noch ihren Geburtstag bei mir im Keller mit einer grossen Sause und ich durfte DJ sein.
Das war das letzte Mal, dass sie zu Hause war. Ist das der Dank für all meine Fürsorge? Mein Freund Basil, der Philosoph, tröstete mich wieder einmal. Er sagte mir auch von Mann zu Mann, er sei wirklich immer beeindruckt gewesen von meinem Pragmatismus und dem Laissez-Faire in der Erziehung.
Ist doch wahr: Dass meine Linda auf eigenen Beinen steht, rechne ich ganz meiner Strategie des Schupfs in die Selbstständigkeit an. Jetzt ist sie weg, das hat man halt davon, wenn man die Arbeit gut macht.
Rücksichtsloser Entzug
Auch der kleinste Nils ist ja in so einem handlichen Alter, ein richtiger Schatz. Ich hab ihn überall mitgenommen wie früher seine Schwester Feliz. Wir hatten rund um die Uhr Spass zusammen bei der Arbeit, in diversen Fun-Geräten: In den frühen Morgenstunden beim Austragen der ‹Nebelspalter›-Hefte sass er im Maxi-Cosi auf dem Zeitschriften-Rollwagen. Im Hallenbad planschte er im Weidenkörbli des Nichtschwimmerbeckens, angeseilt im Spezial-Sicherheitsgurt Marke Eigenbau. Und natürlich hab ich auch am Rasenmäher des FC einen Kindersitz mit Windelbox montiert,
dass der Kleine immer beim Papi ist, wenn er etwas braucht.
Beim Pokern in meiner Lieblingsbar bei Beny’s habe ich ihm extra auf dem unteren Regal des Schnapsbar-Trolleys ein Bettchen eingerichtet. So konnte ich ihn von Tisch zu Tisch mitziehen und hatte das Wichtigste immer in der Nähe. Ich hatte gerade eine Glückssträhne, frischen Schnaps eingeschenkt, Nils schlief friedlich, als die Polizei Beny’s Lokal stürmte. Heimat, wie frei ist
dieses Land?! Für ein bisschen Spiel und Spass wurde ich verhaftet, der ganze Gewinn ging an den Staat. Und meinen Nils habe ich seither nie gesehen. Die Damen vom Sozialamt haben ihn konfisziert und wollen mir partout nicht sagen, wo er ist. Verstehen Sie das?

Paulo Zedmic hat nicht unbedingt weniger Ärger, obwohl er nun keine Kinder mehr hat. Statt Babybadeschaum braucht er seit Kurzem Haarfärbemittel.

Sonntag, 14. April 2019

Ist das Ihr Ernst?

Beim Posten kommt man sich näher: Die kleine Dame und die grosse Bäuerin haben sofort Vertrauen ineinander gefasst.
«Sie waren – bei allen Scherzen und Schwächen – als alleinerziehender Vater für mich und meinen Sohn ein Vorbild. Ihre Ansage eines abrupten Abgangs schockiert uns. Wie können Sie uns so im Stich lassen?» Peter K. aus Z.

Paulo Zedmic: Davon kann keine Rede sein. Ich kenne meine Verantwortung und auch die Gesetze, an die ich mich halte. Ich will doch nur wieder etwas Zeit für mich. Ausserdem hat sich bei mir ein gewisser Starrsinn verfestigt, der Vorbildern gern anhängt. Deshalb lasse ich mich von deiner Fangfrage gar nicht beirren und fahre meinen Plan weiter: Zögling für Zögling wird verantwortungsvoll und sorgsam versorgt.
Eine kleine Luftveränderung für alle, bestimmt, aber hoffentlich für alle zum Besseren. Ich vermag meine erzieherischen Verdienste sehr wohl realistisch einzuschätzen, möchte jedoch auch anderen Wertemodellen eine Chance geben. Denn wer nie die Eltern wechselt, hat ja gar keinen Vergleich.
Neue Nestwärme
So fahre ich also fort, Flick für Flick von meiner Patchwork-Decke abzutrennen und auf einen fremden Stoff zu nähen. Möge mir der löchrige Mantel im Winter keine reuigen Gewissensbisse bescheren. In meiner Familie, die sich in Liquidation befindet, ist Louis als Flick ein ziemlicher Strick. Das hat mich, um im Bild zu bleiben, fast dazu verleitet, ihn an eine schwedische Gardine zu ketten. Ich hab es mir anders überlegt. Denn Louis Mutter Vero verfügt über eine seidenfeine Bettwäsche exzellenter Qualität. Ob der brave Louis in ihre Laken schlüpfen darf oder ob sie ihn auf dem flauschigen Schaffell vor dem Cheminée einquartiert, ist mir egal. Er schläft eh nie. Ohne Zweifel wird er bei ihr weniger frieren als die letzten paar Saisons in meiner Obhut, wo er nur ein paar Stunden im Abwartsraum des Hallenbads Wärme spürte. Wozu kriegt man zwei Eltern? Vero ist vernünftig und ich bin Louis los.
Feliz hat Glück
Ich habe versucht, Feliz Saionara (4) ganz diskret in einer Babyklappe zu versorgen. Aber die Göre ist gar kein Baby mehr – wie ich vor Ort feststellen musste. Also spazierte ich mit ihr zum Marktplatz ins Zentrum.
Die Nachfrage nach herzigen Kindern ist ja unbestritten gross. Also müsste sich doch für die süsse Kleine, die bereits reif für den Kindergarten ist, einen Interessenten finden lassen. Ich wollte sie natürlich nicht jedem geben.
So ein begabtes Glückskind wie Feliz, die bereits den Handstand kann und kopfüber das ganze Repertoire von Justin Bieber auswendig singt. Dies führte sie vor Ort gleich vor. So kommt man ins Gespräch.
Und ich war entsprechend erleichtert, dass ich bereits beim zweiten Kontakt eine glückliche Lösung gefunden hatte. Eine Bäuerin aus dem Säuliamt nahm Feliz gleich mit. Feliz gluckste fröhlich wie stets, ich habe unverhofft Pokergeld für einen Monat, und Feliz Mutter muss das ja nicht gleich erfahren. Ich werde ihr die neue Adresse mitteilen, sollte sie wieder einmal nach Feliz fragen.
Die grosse Klappe
Nils hätte vielleicht noch knapp in eine geräumige Babyklappe gepasst. Aber wer führt
so eine grosse Klappe, wenn man mal eine braucht? Ein zweiter Gang zum obigen Spital
war mir zu riskant. Aus Angst vor dem zurückschlagenden Schicksal habe ich Nils
auch nicht in einem Autopneu den Rhein runtergeschickt. Das kommt nie gut, wie ich
aus der Bibel weiss. Stattdessen habe ich ihn nochmal nach Hause genommen. Linda ist
ja auch noch da, meine treue Tipplise. Ich bin also noch nicht fertig, habe aber mehr
Übersicht jetzt. Mit so einer durchschnittlichen Einelter-Zweikinder-Familie könnte
ich ja nochmal neu starten. Mal sehen.

Paulo Zedmic (43) ist in familiärer Veränderung. Er hat sein Erziehungs- und Ernährungspensum
innerhalb von wenigen Wochen von 6 auf 2 Köpfe reduziert.

Dienstag, 9. April 2019

Wie lange machen Sie das noch mit?

Da grämt sich einer, und zwar mit Recht: Das Leben ist dem Zedmic über den Kopf gewachsen. Was soll er tun?
«Ich habe zwei Kinder, die rasend wachsen und mich täglich vor neue Probleme stellen.
Ich frage mich, ob das je aufhört?»
Petra L. aus O.

Paulo Zedmic: Ei, dass du mir diese Frage gerade jetzt stellst, wo ich mich aus den langen Ferien in den Erziehungsalltag zurückkämpfe. Es mag dich angesichts meines üblichen Papa-Enthusiasmus überraschen, aber ich gestehe: In mir schwelt schon lange heimlich der Gedanke, den Bettel hinzuschmeissen.
Aber wie? Elternschaft ist bekanntlich unkündbar, einmal abgesehen von den herzzerreissenden Storys über ausgewachsene Kinder, welche ihrer Mama ohne Grund den Rücken kehren. Ethisch ist das wohl i. O., niemand will immer Kind sein.
Verpönt sind allerdings Väter und Mütter, die sich frühzeitig aus der Verantwortung stehlen. Trotzdem möchte ich nachfolgend ein paar Auswege skizzieren. Der Einfachheit halber gehe ich dabei Schritt für Schritt vor und nehme Zögling für Zögling. Keine Angst, ich werde niemanden im Wald aussetzen – einfach nur den Job anständig zu Ende bringen. Wie beim korrekten Herunterfahren des Computers oder: Programmfenster für Programmfenster schliessen.
Auf eigenen Füssen
Mein Ältester stellt mich dabei vor die geringsten Probleme. Sebastian (27) ist ja längst erwachsen, hat eine eigene Wohnung und kommt ohne mich aus. Meine Ratschläge haben bei ihm sowieso nie gefruchtet.
Was soll man sagen? Sebastian war halt der erste Erziehungsversuch und damit entschuldigt. Wenn er zwischendurch ein wenig Diebesgut oder irgendwelche Medis im Hallenbad zwischenlagern möchte, werde ich deshalb auch weiterhin grosszügig wegschauen.
Daran ändert sich nichts und ich werde mich auch freuen, sollte ich ihn beim Pokern antreffen.
Die liebe Linda
Meine Linda (19) liegt mir schon viel mehr am Herzen. Dir kann ich das ja sagen, vor meinen Kindern würde ich das gerechte Gegenteil behaupten. Linda geht auch noch zur Schule, dreht Ehrenrunde um Ehrenrunde, sie will einfach nicht reif für die Matura werden, was für weiteres Kümmern spricht. Obwohl: Sie bleibt gern ganze Nächte weg, ist also auch irgendwie selbstständig. Vielleicht weisst du noch gar nicht, dass Linda gegen ein bisschen Sackgeld schon länger meine Schreibarbeit erledigt. Und weil ich auf sie als die eigentliche Verfasserin hinter meinen Kolumnen angewiesen bin, werde ich dieses Fenster ziemlich sicher noch eine Weile offenlassen.
Ein schwerer Fall
Wenn es ein herausragendes Problemkind unter meinen Zöglingen gibt, dann ist das wohl Achim. Oder doch Louis? Nein, allein wegen seiner Form ist Achim buchstäblich der gewichtigste meiner Erziehungsfälle und dürfte entsprechend schwer loszuwerden sein. Wobei, da fällt mir gerade ein, dass ich einfach seinen Computer bei seiner Mutter Inge installieren müsste. Weil Achim nicht davon wegzubringen ist, würde er einfach mitgehen. Inge wird die zusätzlichen Auslagen für Esswaren, vornehmlich Snickers, Pralinato und Seven-up, verkraften. Müsste klappen, oder?
Unternehmerischer Impuls
So viel für den Moment. Man soll nicht zu radikal sein, im Beruf wie in der Erziehung. Was mit den Kleinen, Louis, Feliz und Nils passiert, überlege ich mir bis zum nächsten Mal. Und nein, um dir noch eine Antwort auf deine Frage zu geben: Wenn man nichts unternimmt, hört das nie auf.

Paulo Zedmic (43) hat als freier Unternehmer plötzlich Aussicht auf jede Menge neuer Kapazitäten. Er überlegt sich, im gewonnenen Freiraum eine Tanzschule zu eröffnen.

Samstag, 23. März 2019

Darf meine Tochter ans Boygroup-Konzert?

Coole Outfits: Das ist offensichtlich keine Boygroup, schon gar nicht jene mit dem ollen Namen «one direction».
«Meine Tochter Alice ist 13. Ihre Freundinnen gehen ans «One Direction»-Konzert. Mein Mann hat für Alice sogar ein Ticket gekauft. Mir behagt das gar nicht. Hilfe!» Bea R. aus F.

Paulo Zedmic: Hiermit verbiete ich deiner Tochter, dem Anlass beizuwohnen. Diese Musik ist wirklich Kacke. Und da hat man als Mutter und Vater eine ästhetische Verantwortung. Wenn dir die Autorität fehlt, diese durchzusetzen, leihe ich dir gerne meine. Es müsste mehr mutige Mütter wie dich geben und es wäre um die Jugend viel besser bestellt. Viel zu oft wird dem Teenie-Hormontrubel einfach nachgegeben, ohne jeden Anspruch und ohne Niveau.
Meine kleine DiktaturBei mir zu Hause gilt eine eiserne Regel: Du sollst kein anderes Vorbild haben als mich, deinen Vater. Darum hängen in der Wohnung auch überall Poster von mir. Im Gang steht sogar eine Bronzeskulptur mit meinem Ebenbild, damit die Autorität auch wirkt, wenn ich mal beim Tanz oder bei der Arbeit bin. Daneben dulde ich höchstens noch ein Foto der Mutter auf dem Nachttisch, mehr nicht. Kein Starschnitt und kein Internet.
Meine Kinder haben nur Zugang auf das Intranet meiner Arbeitgeber, Nebelspalter.ch und Europoker. Dort spielen sie aber nur mit dem eigenen Sackgeld. Meine Tochter Linda (19) hat mir meine starke Hand in ihren Teeniejahren gedankt, indem sie, als ihre Freundinnen alle mit Tokio-Hotel-Frisuren herumliefen, auf meinen Hallenbadhaarschnitt setzte. In der Handarbeit bastelte sie sogar liebevoll einen grünen Blaumann, wie ich ihn so gern an meinen Kindertagen trage. Ich war zu Tränen gerührt.
Ambitionen für Allüren
Linda hat sich nie um die Moden der Massen geschert und das macht mich noch heute stolz. Sie ist ja nicht unmusikalisch und singt in einer Punkband. Das heisst, ich sage dem Punk, sie würde es bestreiten. Und eigentlich flüstert sie ja nur, das ist ihr Stil.
Leise Rebellion, sagt sie. Die ‹Stage identity› ihrer Gruppe ist herausragend. So was sieht man nirgends sonst – und schon gar nicht am Fernsehen. Ich mache jeweils für die Streicher der Band ein Rasenkostüm. Linda trägt als Frontfrau einen überdimensionalen Hahnenkopf und ansonsten Pech und weisse Federn. Sie hat das Rohmaterial für das Kostüm eigenhändig aus einer benachbarten Geflügelfarm geholt.
Eurovision
Ich bin auch sehr stolz, dass aus keinem meiner Sprosse bisher ein Star geworden ist. Heutzutage, wo auf allen Kanälen Sternchen am Laufmeter produziert werden, ist das ja eine Leistung. Gut, Louis (10) und Achim (13) verlassen aus logistischen Gründen ja kaum das Haus und sind nicht besonders gut im Artikulieren. Wenn einer von denen per Zufall in der Schule entdeckt würde, wäre mir wohl nicht zu schade, mitzufänen. Ausser es wäre eine Sektenband, da weiss jedes Kind von mir, dass ich den Kontakt komplett abbrechen würde. Man kann nur eine Familie haben, nicht? Sonst singt bei uns nur der Älteste, Sebastian (27). Er geht nur wegen den Fangesängen an die Fussballspiele und nimmt dafür auch mal eine Prügelei oder eine Verhaftung in Kauf. Das gehört halt dazu.
Wo sonst können junge Männer noch ungeniert singen? Zu Hause habe ich ihm das Singen auch verboten, weil er immer meint, er müsse dazu gleich randalieren.
Beim Gedanken daran werde ich ganz unsicher und ändere meine Meinung. Also falls Ihre Tochter Alice die Kleider für das Konzert selber näht, soll sie doch gehen. Das wäre ein vernünftiges Kriterium, eine kreative Eintrittsschwelle sozusagen, die jeder 13-Jährigen gut anstünde. Deal?

Paulo Zedmic (42) ist alleinerziehend mit 6 Kindern und liebt bulgarische Zigeunermusik.
Seit einigen Jahren ist seine Wohnung ein Ort der Stille ohne Lautsprecher.

Montag, 18. März 2019

Verstehen mich meine Kinder überhaupt?

Hyänen lachen Tränen, wenn es nach Andrew Bond geht. Das ist im echten Leben aber zum Glück nicht immer der Fall.
Frage: «Ich habe zwei Töchter (13 und 14), die leider in einem schwierigen Alter sind. Abgesehen
davon, dass wir uns wenig zu sagen haben, finden wir überhaupt keine gemeinsame Sprache. Können Sie vermitteln?»
Lydia I. aus D.

Paulo Zedmic: Nein, ich bin mit meinen sechs Jobs, den Hobbys und der Erziehungsarbeit mehr als ausgelastet, sorry. Natürlich bin ich trotzdem in diversen Stellenportalen präsent und als «Allrounder» auf Arbeitssuche.
Die Gier nach mehr Metall lässt mich weitere Aufträge annehmen. Und ich kann ja wirklich fast alles, vor allem im Umfeld von Medien, Hallenbädern und Casinos: Frag mich also zum Schlauchflicken, Papierschiffbasteln oder Würfelzinken. Bei der Jugendsprache aber kack ich voll ab, denn auch ich verstehe kein Wort von dem, was meine Zöglinge sagen.
Hihi auf monschischisch
Am Anfang ist das ja noch lustig. Wenn Kinder zu zählen beginnen und dabei hin und her hüpfen und Zahlen auslassen, Buchstaben verdrehen und Wörter erfinden wie «Gnö» für «Pneu», «Fotiliat» für eine Kamera oder «Tobeloni» für eine Schoggi in Matterhornform.
Und wenn sie sich gar auf Fremdsprachen wie «monschischisch» versuchen, schnitzeln alle ab. Neue Tiere wie der Trörant oder der Schnipans sind ebenfalls baba und selbst Tante Helene hat nichts dagegen, wenn sie Hyäne genannt wird. Solange Kinder noch an den «Chamilaus» glauben und nicht hinter den «Schüelchrank» gehen, wackt und wuppt es volle Möhe, checksch?
Verstopfter Kanal
Aber kaum werden sie grösser und frecher, hört der Spass auf. Gemeinhin meint man, die Kinder seien vor unflätigen Ausdrücken der Erwachsenen zu schützen. Der Amerikaner ruft nach «elterlichen Anleitung». Dabei ist es klar, dass die Sprache der Jüngsten jedem vulgären Fass den Kopf rausschlägt.
Das kommt vom Scheissleben vieler Teenager, deren erbärmliche Sprachwelt unter normal null ist. Sie dreht sich nur um Grasrouladen und Mandelspülungen, dass man Brocken jubeln muss. Manchem Jugendlichen ist deshalb dringend zu raten, die Orallüftung auszuschalten.
Gute Geheimnisse
Zum Glück dreht sich die Sprache immer weiter. Fäkalsprache lebt sogar besonders heftig wegen den gammligen Maden. Es gibt aber aldige Versuche, die Jugendsprache auf Papier zu bannen, in mit dem Diktionär verwandten Machwerken. Die Übersetzung von Slang gibts sogar mit Zehn-Finger-Rabbat im Internet. Ziel ist wohl die Aufklärung der Erzeuger. Silbersurfer sollten aber die Konsequenzen bedenken, wenn sie wissen, was die Kinder meinen, wenn sie vom Mausen, Hägen, Teebeuteln, Lunzen, Lachsreinhängen, Tackern und Ramsen reden. Sie meinen nämlich damit immer dasselbe – und ja, manchmal ist es wirklich besser, wenn man gar nichts checkt – nur das eine.
Brauchst du weitere Beispiele? Nimm den Satz aus der untersten Schublade meines Sohnes Louis, der neulich vom «Mösenflattern im Fummelbunker» popelte und von der Felleule nebenan, die einen Kasper in der Schublade habe. Gescheiter, man überhört solche Worte bei den eigenen Kindern, sonst muss man sich noch mit der entsprechend heftigen Problematik beschäftigen. Also Ohren zu und juhu, dass man nicht alles mitkriegt. Klink dich aus und bleib flauschig oder mit den Worten von Louis: Chillax!

Paulo Zedmic spricht nicht nur die Jugendsprache unzureichend. Seine Muttersprache hat er verlernt, Fremdsprachen kennt er keine und seine Texte werden ihm zum Glück von der Tochter ins Reine geschrieben.

Sonntag, 10. März 2019

Sind Sie noch bei Trost?

Obacht: Glücksspiel verträgt sich nicht mit elterlichen Verantwortung. Wer das Gegenteil behauptet, könnte ein Profi sein.
«Ich bin glücklicher Vater eines Mädchens (5), dessen Erziehung ich der Mutter überlasse.
Die knappe Zeit mit dem Kind raubt mir bereits alle Kräfte. Wie kann man sich überhaupt mehr als ein Kind zumuten?»
Fredy K. aus W.
 
Paulo Zedmic: Es ist nicht so, dass sich mir diese Frage noch nie genähert hätte. Aber ein Vorteil der konstanten Überforderung als Alleinerziehender mit sechs Nasen ist, dass man zum Grübeln definitiv keine Zeit mehr hat. (Und Gott sei dank auch nicht mehr zum Zeugen weiterer Zöglinge, vorerst). Das philosophische Hinterfragen habe ich abgegeben an meinen besten Freund Basil. Er teilt im Übrigen deine Meinung, dass mehr als ein Kind ungesund sei. Schliesslich erhalten Kinder mit Geschwistern ja nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, wo doch jedes einzelne für sich alle Liebe der Welt verdient hätte, allein schon als Geschöpf.
Schattenkunst mit Geschirr
Wobei: Gerade im Windschatten der Aufmerksamkeit geschehen oft wundersame Dinge. Zum Beispiel der Frühstart zur künstlerischen Karriere meiner lieben Linda (19). Das fing damals an, als sie als Baby in einem unbeachteten Moment die teuerste Amphore ihrer Mutter in 1000 Stücke zerschlug. Wie genau sie das zustande brachte, wurde nie geklärt, weil ja eben niemand aufmerksam war. Aber es lagen danach Muster von Scherben um das Baby herum auf dem Boden. Und auch auf ihrem Köpfchen zeigten sich faszinierende Zeichen. Linda liess dort später Tattoos nach der Vorlage der Narben anfertigen. Von ihrer Mutter hat Linda die künstlerische Ader übrigens nicht. Denn Alice hat die Ader ja immer noch, hihi, im Gegensatz zur teuren Amphore. Genetik ist logisch!
Improvisieren und planen
Überwachung ist ein Vakuum für die Kreativität, sagt Basil. Sie erstickt! Allerdings muss man auch problematische Aspekte erwähnen. Zum Beispiel muss Kinderbetreuung wie die Arbeit geplant sein. Ich kann ja auch nicht den Dienstplan mit meinen fünf Jobs von Tag zu Tag improvisieren. Nein, man muss Zeit haben, um Doppelbelegungen und Vielfachbuchungen zu umgehen durch Tricks, Nachtschichten, Ausreden und Arztzeugnisse. Kinder sind wie Chefs: Immer wollen alle miteinander was. Man braucht echt Nerven wie Drahtseile, um das auszuhalten. Dann ist das Essen halt kalt, bis
alle am Tisch sitzen.
Oder du lässt die Küche sein und das dreckige Geschirr dreckig, denn du brauchst es ja am nächsten Tag eh wieder. Oder du musst das Aufräumen als Spiel gestalten, weil du sonst weder spielen noch aufräumen kannst.
Rabenvater Matto
Kurz: Deine Frage ist mehr als berechtigt. Wer zum Zeitpunkt der Familienplanung noch klar im Kopf war oder sogar bei Trost, der ist natürlich, nur so nebenbei, auch nicht mit voller Leidenschaft in das Projekt gestartet. Aber nehmen wir an, jemand (oder zwei Personen) hätten tatsächlich nüchtern den Nutzen eines zweiten Zöglings errechnet und rational beschlossen. Spätestens im Chaos mit 2, 3 oder X Kindern versagt die letzte rationale Sicherung. Ja, man verliert den Verstand, leider.
Unvernunft ist eben ansteckend, wie im Irrenhaus die Psychiater immer Ticks entwickeln, ob sie wollen oder nicht. Ich halte mich mit einem eisernen Prinzip über Wasser: Freitagnacht ist fürs Pokern reserviert. Das nimmt auch etwas Druck weg vom Budget, im besten Fall.

Paulo Zedmic (43) hat die Stunden, die er für seine Zöglinge aufgewendet hat, nie aufgeschrieben.
Seine Tochter Linda (19) erledigt für ihn dafür gratis Schreibarbeiten.

Freitag, 1. März 2019

Haben Sie unser Enkelkind entführt?

Der Enkeltrick ist nicht einfach zu durchschauen. Ein Entführer dagegen ist an seiner grimmigen Kleidung gut zu erkennen.
Seit Langem lesen wir Ihre Kolumne mit wachsender Skepsis. Nun ist unser lieber Enkel Nils (10 Monate) plötzlich wie verwandelt, leider sehr zum Unguten. Haben Sie ihn etwa mit einem Ihrer Bälger vertauscht? Ernst und Rosa A. aus K.

Paulo Zedmic:
Erlauben Sie mir zuerst einen Scherz, bevor ich Ihnen eine Antwort gebe. Es freut mich nämlich, dass Ihre Skepsis nicht schrumpft! Denn dann wäre sie schon alt und verknöchert. Solange sie wächst, hat sie eine grosse Zukunft, wie Ihr Enkel. Das hat mir mein Freund Basil, der Philosop, so erklärt. Er sagt: Skepsis ist wie ein Schnaps, also sehr wichtig.
Elende Enkeltricks
Ich finde es nicht schlimm, dass Sie mich einer neuen Variante des Enkeltricks bezichtigen. «Bezichtigen», das sagt Basil auch immer. Er ist verdammt gescheit. Nein, es gibt ja immer wieder neue, unverschämte, unverfrorene Arten von Enkelbetrügereien.
Man liest es in der Zeitung. Und man spürt, wie schockiert die Beamten auf dem Polizeiposten über die raffinierten Methoden waren. (Basil sagt «dreist!») Aber von jemandem, der anderer Leute Enkel vertauscht, habe ich noch nie gehört.
Wobei ich mein jüngstes Ding auch schon fast vergessen habe, so ruhig und friedlich schläft es jetzt in seinem Wägelchen. Ein Engel ist das plötzlich, das sage ich Ihnen. Am Anfang war es gerade das schlimmste Schreikind der Erde! Lustig, genau umgekehrt wie bei Ihrem Enkel! Jetzt fällt mir erst auf, dass ich meinem jüngsten Spross auch Nils sage, seit seine Mutter ihn mir überlassen hat. (bzw. uns verlassen hat).
Frispee und Poker
Ich war es nicht! Dafür halte ich meine Hand ins Feuer. Oder sagen wir, wenn ich lüge, halte ich meinen Schlüsselbund in den Bunsenbrenner und spiele dann damit im Garten mit den Kindern russisch Frispee. (Wer fängt, verbrennt sich die Finger).
Wenn Sie aber Ihres Enkels wirklich überdrüssig sind, können wir gern über ein Geschäft reden. Mein Nils ist allerdings nicht verhandelbar. Ihn habe ich nicht mal gesetzt, als ich letzte Woche am Pokertisch tief in die Schuldenzone rutschte. Ich kam dann zum Glück auch ohne ihn wieder ins Plus.
Gesparte Arbeit
Aber von meinen Zöglingen könnten Sie Achim haben. Er ist zwar schon ein paar Jahre älter und einige Pfunde schwerer, dafür müssen Sie ihn nicht mehr wickeln. Und er ist sehr pflegeleicht! (Basil sagt dem «phlegmatisch »).
Oder wollen Sie mir Louis abnehmen? Den Terrorbengel würde ich sofort tauschen, eigentlich ist es mir sogar egal, ob ich etwas dafür kriege. Der Vorteil für Sie: Louis kann schon rechnen und er kennt sich mit Computern aus. Sie sparen so jede Menge Erziehungsarbeit, stellen Sie sich vor: Zehn Jahre nicht schimpfen!
Rechtlich sollte man das mit einem Outsourcing- Vertrag regeln können, meint Basil. Er arbeitet ja, weil man als Philosoph leider kein Geld verdient, in der Rechtsabteilung einer Autoleasing-Firma. Wenn Sie wollen, sage ich auch den Müttern nichts, dass deren eine oder andere Sohn nicht mehr bei mir ist. Also einfach sagen. Interessiert an einem Deal? Ich bin gern für einen Schwatz zu haben. Meine E-Mail kennen Sie ja.

Sonntag, 24. Februar 2019

Sind Grosseltern sichere «Gaumer»?

Der Pfeifenraucher ist gleichzeitig Opa und erziehungsberechtigt: Sein Lächeln scheint gequält, mit einer Note Stolz.
«Meine Töchter (2 und 4 ) sind herzige Engel. Zwei Tage pro Woche werden sie von meinen Eltern gehütet. Alle Beteiligten sind danach leider nervlich am Ende. Wie weiter?» Ida C. aus E.

Paulo Zedmic: Meine Antwort ist simpel: Selber machen macht feiss. Erziehung kann man nicht delegieren. Deswegen sollte man es auch nicht tun. Nimm deine Töchter selber an die kurze Leine, solange du ihnen körperlich noch überlegen bist.
Es ist vielleicht hart, der Versuchung zu widerstehen, wenn Grosseltern sich aufdrängen. Manche Rentner haben ja mitunter nichts anderes zu tun und haben jahrelang auf Enkelkinder gewartet, nur um wieder jemanden herumkommandieren zu dürfen, der sich auch nicht beschwert, wenn sie rauchen.
Meine eigene Mutter lebte zum Glück nie gleich nebenan, sie war mir überhaupt über weite Strecken sehr fern. Der Kontakt zu meinen vielen Schwiegereltern ist leider nicht weniger schwierig: Alle fünf haben diametral abweichende Erziehungsgrundsätze.
Geduld bringt Schonung
Tja, Deine Eltern sind aber selber schuld, wenn sie sich den ganzen Stress nochmal antun. Vielleicht haben sie beim ersten Mal etwas falsch gemacht. Andererseits sparen sie sich durch die körperliche Aktivität Fitnessabo und Altersturnen. Finanziell ist also vielleicht ein willkommener Zustupf zur AHV. Und es gibt auch für Aussenstehende kein schöneres Bild als ein kleiner Fratz, der einem hinkenden Rentner mit fuchtelndem Stock davonrennt.
Natürlich ist es hierzulande besonders weitverbreitet, Kinder in die Obhut von Grosseltern zu parkieren. Wenn ich es genau überlege, ist das eine der wenigen Gemeinsamkeiten aller Mütter meiner Kinder.
Sämtliche haben Erziehungspflichten so rasch wie möglich outgesourct. Ich sehe ja auch die Vorteile des Abgebens: Man schont die eigenen Nerven. Vielleicht ist es auch, je nach Temperament der Gaumenden, für die Kinder besser, wenn sie nach Strich und Faden verwöhnt werden, als wenn sie zu Hause ständig die harte Hand und die laute Stimme ihres Erziehers spüren.
Kindische Kapriolen
Aber die Nachteile sind ebenso krass. Als Achim mal von Inges Mutter gehütet wurde, tat er immer extra blöd. Zertrat absichtlich ihre Brille, mixte sich in der Küche Cocktails aus allerlei Lebensmitteln und fütterte sogar ihrem armen Hund extra eckige Nüsse, dass er fast verschied. Ich weiss nicht, was in ihn gefahren war. Denn Achim ist zu Hause der Unproblematischste von allen. Man muss ihn von Natur aus zu nichts antreiben und nie bremsen: Ein Sack Chips auf den Tisch, eine Playstation ON, und er ist zufrieden.
Ich glaube, es gibt ein Muster: Grosseltern holen gern das Schlechteste aus Kindern heraus. Veros Papa hat den Louis auch nur ein einziges Mal zu sich genommen. Kaum war der kleine Dachs abgegeben, konnte Louis nicht mehr laufen. Grosspapa schwang ihn zuerst voller Enthusiasmus auf den Rücken – und holte sich prompt einen Hexenschuss. Nachher wollte er ihn dann nie mehr hüten.
On the job training
Mein Rat lautet: Nehmen Sie Kinder wenn immer möglich zur Arbeit mit! Gibt es einen Job, wo das nicht geht? Gerade Kleinkinder sind unauffällig, man kann sie gut in einem Rucksack oder einem Reiserollkoffer verstecken.
Auf engem Raum lernen sie auch gleich, stillzusitzen. Im Vorschulalter lernen sie ja überhaupt so viel! Alle meine Sprösslinge lernten wie von selbst Ordnung halten und schwimmen, weil ich sie Tag und Nacht an alle meine Arbeitsstellen mitschmuggelte. Natürlich nur so lange, bis sie auf eigenen Füssen stehen. Aber mit meiner Methode ist das zwischen 3 und 4 Jahren der Fall.

Paulo Zedmic (43) hat sechs Kinder von sechs verschiedenen Müttern in seiner Obhut. Um die Münder zu stopfen, arbeitet er u. a. im Hallenbad und pokert nachts.

Sonntag, 17. Februar 2019

Was soll ich nur anziehen?!

Zellophan ist mit der Modehauskette C & A vergleichbar, mit deren altem Claim es sich gern schmückt: «zieht alle an.»
Zuschrift: Unser Familienklima ist belastet: Das unstete Wetter provoziert ständige Garderobenkämpfe. Tim (9) und Edwin (7) wollen kurze Hosen tragen. Ist es schon warm genug? Hans Y. aus Z.
 
Paulo Zedmic: Es kommt auf das Wetter an. Weil es ja nie das macht, was die Medien erzählen, habe ich mir abgewöhnt, Prognosen zu gucken. Ich zappe weg, wenn eine Karte ins Fernsehbild kommt. Da kann die tänzelnde Dame davor noch so kokett winken, ich bleibe kühl. In meinem Overall bin ich gut gewappnet gegen alle Wetter. Für nasse Arbeiten, etwa im Hallenbad oder beim Altpapiersammeln im Regen, habe ich einen zweiten Overall aus Neopren. Sicherer als jede Wettervorhersage ist eins: Meine Feliz kommt immer mit zur Arbeit. Wenn ich wirklich raus muss und es Katzen hagelt, wickle ich meine Regenprinzessin in Zellophan ein. Ich mache es ihr als Feenverkleidung schmackhaft, das findet sie lässig. Und so bleibt sie trocken und sieht erst noch toll
aus. Wobei der Look für sie wichtiger ist als für mich. Ich halte mich an die offiziellen Stilrichtlinien des Abwartverbandes: ‹Form follows function›.
Frösteln mit Lerneffekt
Feliz freut sich auch immer viel zu früh auf den Sommer. Sie wollte schon barfuss raus, als auf dem Trottoir noch Schnee lag. Feliz meint, sie kriege keinen Husten mehr, wenn sie ihn schon hat. Wir Erwachsenen dagegen meinen gern, wir wüssten besser, was Kinder anzuziehen haben. Dabei ist es ganz anders. Das Kind ist von Natur aus störrisch und muss eine Ohrenentzündung einfangen, bevor es den Ohrenwärmer schätzen lernt. Diese wertvolle Erfahrung muss es unbedingt selber machen. Deshalb lasse ich sogar meinen Sonnenschein einmal im Jahr ins Kaltwetter laufen. Wenn Feliz schlottert, gebe ich ihr meine Jacke extra nicht. Sie würde sie sowieso nicht nehmen – sie findet die
Farbe hässlich.
Nun zu euren Grabenkämpfen vor dem Anziehschrank. Das Problem ist, dass zu viele Leute über die Garderobe bestimmen wollen. Ich rate dir, in diesem Kampf forfait zu geben, dem Frieden zuliebe. Das Kind braucht freie Laufbahn, auch in der Mode.
Nichts Schlimmeres als ein Balg, dem man im stürmischen Gegenwind ansieht, dass es von der Mutter als Modepuppe missbraucht wird. Gut, meiner Linda, unterdessen 19, kann ich ja inzwischen gar keine Kleidertipps mehr geben. Sie ist überhaupt immer ein schlechtes Beispiel. Linda war schon als Kleinkind ein Punk. Heute lebt sie ja nicht von ungefähr in einer Baracke am Stadtrand. Sie kann sich in ihrem Aufzug schlicht nicht in Zentrumnähe sehen lassen.
Kleiderregeln im Wandel
Im Zweifelsfall also: Kurze Hosen ja! So können deine Buben stolz ihre Schrammen zeigen. Das überhitzte Klima von heute ist ja ganz anders als einst. Lange Aufwärmphasen und einen Stichtag für T-Shirt-Wetter gibt es nicht mehr. Der Kleidungsleitfaden von Oma ist voll passé. Das merken die Kinder intuitiv: Die Jugend passt sich extrem schnell an die immer extremeren Wetterwechsel an. So klug ist sie eben, die natürliche Evolution! Im Klimawandel mit seinen Wetterlaunen gibt es nur eines: rasch reagieren, schnell umschalten.
Auch hier gilt: Laisser faire. In meiner 20-jährigen Erziehungserfahrung bin ich deshalb immer weiter nach rechts gerutscht. Von planwirtschaftlich protektionistisch bis radikal ultraliberal. Im Rückblick kann ich im Ergebnis keinen Unterschied feststellen: Die Kids machen eh, was sie wollen. Also kann man sie auch getrost machen lassen. Irgendwo muss es ja anfangen mit dem Selbstständigwerden – warum nicht bei der Garderobe. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass du ein Problem weniger hast. Bitte!

Freitag, 8. Februar 2019

Muss ich der Kleinen immer folgen?

Ihnen wachsen die Tischsitten Ihres Nachwuchses über den Kopf? Herr Zedmic weiss Rat und Tat mit Spinne und Krone.
Zuschrift: Meine Tochter Lisa akzeptiert meine Autorität einfach nie. Ich kann befehlen und drohen und schlagen, wie ich will. Sie kommt mir frech und macht, was sie will. Wie weiter? Rolf B. aus Z.

Paulo Zedmic: Immer ruhig, Kollege! Beim ersten Mal ist mir diese Falle auch passiert.
Deshalb ist mein ältester Sebastian etwas schiefgeraten. Seine Mutter Yvonne hatte aber auch null Autorität. Also musste ich es richten. Ich machte es auf die harte Tour – die Diktatur, verstehst du? Aber, ich sage dir, damals habe ich gelernt: Die Brechstange ist kein gutes Werkzeug für die Erziehung. Man kann damit einen Spind öffnen, ok. Oder ein Loch graben im Rasen. Für Pfähle oder für einen Zaun oder für einen Baum zu pflanzen, egal was, das geht. Dafür ist die Brechstange da. Aber zum Züchtigen nützt sie nicht. Eisen ist viel zu hart, ich schwöre es!
Ich rate dir also, Kollege, hör auf mit Schlagen und Toben. Es bringt nichts. Die Jungen machen eh, was sie wollen. Du sagst es ja.
Dreh wie am Grillspiess
Also was ist besser? Ich habe viel nachgedacht. Mein Freund Basil ist Philosoph. Er hat mich auf die Lösung gebracht: Wenn die Brechstange nichts nützt, muss man sie umdrehen!
So bin ich mit jedem meiner Kinder lockerer geworden. Sie wollen nicht, was du willst? Lass sie laufen! Bei meinem jüngsten Engelchen Feliz befehle ich gar nichts mehr. Ich folge ihr! Das rate ich dir, mein Freund, tu einfach das, was die Tochter sagt. Du musst nur anders denken. Wer ist König? Das Kind ist der König! Basil hat schon recht: Regieren ist eine schwere Bürde. Das Sprichwort aber «Wer zu alt, befiehlt», das ist falsch. Es stimmt überhaupt nicht! Lass deine Tochter befehlen. Wenn sie alles selber machen muss, bist du erleichtert. Wie wenn du ein Eisenrohr fallen lässt. (Aber nicht auf deine Füsse!)
Klar, manchmal musst du drohen. Am besten dafür sind leere Drohungen. Ein kleiner Tipp, mein Freund: Man muss die Strafe nie sagen! Sie wollen ja nur, dass man tobt. Wenn mir jemand an eine weisse Wand kritzelt, stehe ich nur hin und rassle mit dem Schlüsselbund. Dazu schaue ich grimmig.
Ich sage aber nichts. Extra! So malen sich die Bengel selber aus, was geschehen wird, wenn ich sie nochmal erwische. Zum Beispiel: Ich verfüttere ihnen den Schlüsselbund. Oder ich hänge mir einen Teufelsbraten an den Gürtel statt der Schlüssel. Oder noch etwas Schlimmeres!
Strafe mit Fantasie
Ich weiss noch etwas, das ist viel besser: Du lässt dir drohen. Dann kannst du frech zurückgeben.
Mein Louis ist 9 Jahre alt. Er droht mir ständig: Wenn du mir kein Glacé gibst, laufe ich weg. Wenn ich ins Bett muss, schreie ich laut für immer. Ich sage dann: Gut, schrei du und spring herum. Ich gehe unterdessen ins Casino oder lese draussen in der Bibel. Da steht es übrigens auch schon drin, beim Spruch Nummer 15 und 32: «Wer sich nicht ziehen lässt, der machet sich selbst zunichte.» Also musst du dich erziehen lassen, sonst gehst du daran kaputt! Ich suche jetzt selber auch einen Kindergarten ohne Autorität für Feliz. Aber so wie es ausschaut, gibt es das gar nicht mehr, nirgends. Oder kennst du noch einen? Eben.
Nerven wieder geflickt
Gehorchen kommt von horchen. Deshalb musst du die Ohren immer fest spitzhalten. Was will deine Tochter? Ja will sie denn überhaupt etwas? Viele Kinder wollen ja in Wirklichkeit gar nichts. Dann kannst du dir alle beide Beine ausreissen, es hilft so viel wie ein Mann, der ein Haus stemmt: Nada!
Besser, du lässt die Tochter in Ruhe, dann hast du Frieden. Und deine Nerven heilen rasch. Wie ein abgestecktes Rasenfeld, frisch angesät. Nach vier Wochen ist es wieder schön grün.

Paulo Zedmic (42) hat als Bademeister in sieben verschiedenen Gewässern gearbeitet (sowohl in süssen wie in salzigen).

Freitag, 7. Dezember 2018

Kommen Sie an Heilig Abend zu uns?

Symbolbild mit gestreiften Tasssen: Zedmic und seine Zöglinge sind für ihre schweinischen Tischmanieren bekannt.
Wir würden gerne mit Kindern Weihnachten feiern, aber wir haben keine. Möchten Sie nicht mit ein paar Zöglingen zu uns kommen? Sibylle & Raoul W. aus M.

Paulo Zedmic*: Herzlichen Dank für die Einladung. Ich komme gerne, aber leider ohne Kinder. An Weihnachten war ich die letzten Jahre nämlich immer allein. Wenn ich nicht gearbeitet habe. Das ist ein Vorteil, wenn man x verschiedene Mini-Jobs hat: Du findest sicher einen, der dich auch am Heilig Abend beschäftigt. Letztes Jahr habe ich extra bei einer Sicherheitsfirma angeheuert, um an diesem Festtag arbeiten zu können.
Dieses Jahr begann ich schon unruhig zu werden, weil noch kein dienstlicher Termin für den 24. Dezember feststand. Eure Einladung rettet mich aus dieser Misere, danke!
Festtage ohne Kinder
Die stillen Ferientage der Besinnung Ende Jahr sind für mich die schlimmsten. Ich verbringe sie stets ohne Kinder und ohne Arbeit – der absolute Horror! Die Mütter holen ihre Kinder jeweils vor Weihnachten zu sich. Eine um die andere holt ihr Kind. Zuerst kommt immer Inge. Die holt den dicken Achim (12). Sie gehen in Gstaad Ski fahren.
Obwohl Linda (19) längst zu alt ist, um unter dem Christbaum zu flöteln, holt ihre Mutter Alic sie jedes Jahr am 24. Dezember ab, um sie mit Weiss-der-Teufel-was-für-Geschenken zu überhäufen. Natürlich nur aus schlechtem Gewissen, weil sie sich übers Jahr nicht um sie gekümmert hat. Sogar unser schwieriger Louis (9) wird, soweit ich weiss, jeweils von Vero aus dem Heim abgeholt und über die Feiertage entführt. Frag mich nicht, was die wo tun.
Essen à discretionIch bin froh um jede Arbeit, welche die unangenehme Ruhe am Jahresende stört. Ein anderer Vorteil von vielen Arbeitgebern sind die vielen Weihnachtsessen. Ich werde etwa fünf Mal eingeladen, einmal Anfang November im Hallenbad, dann im Casino, bei der Bibliothek, beim Fussballclub und schliesslich im Januar noch beim ‹Nebi›. Der kommt ja immer etwas hintendrein. Aber alles in allem ist es schön verteilt. Und essen kann ich sehr gut. Man merkt es dann jeweils Anfang Jahr, aber sobald die Kinder zurück sind, kriege ich die Pfunde schnell wieder weg.
Kindische KupplerspieleIn der Vergangenheit habe ich immer mal ein Kind zum Firmenessen mitgeschmuggelt.
Wenn Feliz schon bei der Arbeit immer mit muss, soll sie auch ans Weihnachtsessen dürfen. Letztes Jahr versteckte sie sich unter der langen Tafel und trieb mit den Beinen der Chefetage Schabernack. Schuhe wurden zusammengebunden. Und ich glaube auch, dass die Affäre von Kollege Morgenthal mit Frau Haag vom Aussendienst eigentlich nur wegen Feliz anfing.
Schweinisch essen
Leider essen Kinder an Festtagen nicht besonders festlich. Die Kleinen schätzen das gar nicht so. Und wollen höchstens wissen, was für ein Tier im Braten gesteckt hat und verderben dir den Appetit. Selbst mein Sebastian, längst erwachsen, isst immer noch wie ein Schwein, dass ihn seine Mutter Yvonne regelmässig vor die Tür stellen muss. Stellt euch vor: Selbst wenn es kalt, dunkel und nass ist, wo man keinen Hund nach draussen schicken würde. Aber Yvonne meint, er lerne es dann noch. Dabei kifft Seb einfach und ist froh um die Pause.
Baby gebucht
Nun haben wir ja dieses Jahr wieder ein Baby, das wir in die Krippe legen könnten. Aber er ist an seinen ersten Weihnachten unterwegs. Wir haben den Buben an einen befreundeten Pädagogen ausgeliehen, der einen Krippenspiel-Film dreht. Schliesslich kann man schauspielerische Talente nicht früh genug fördern.

*Paulo Zedmic (43) hat seit Kurzem 6 Kinder von 6 Frauen. Er hat Weihnachten nicht so gern.
Sie wollen Herrn Zedmic ebenfalls einladen? Oder etwas fragen? Schreiben Sie einen Kommentar!

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Wie viel darf mein Sohn kosten?

Zedmic schnüffelt am Zaster: Geld riecht per se weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, was man damit finanziert.
Mein lieber Carli (13) wird mit jedem Jahr teurer. Ich hätte nie geglaubt, was so ein Kind für Unsummen verschlingt. Kleider und Verpflegung sind erst der Anfang. Aber ich will ja selber auch noch leben. Soll ich Carli eine Weile auf Nothilfe setzen? Semir T. aus W.

Paulo Zedmic*: Du sprichst mir aus dem Herzen. Rechne deine finanziellen Sorgen multipliziert mal fünf, dann hast du eine Ahnung von den Finanzhorizonten mit meinen Zöglingen. Es ist nur der Kunst zu verdanken, wie ich Prioritäten setze, dass es überhaupt noch reicht für ein, zwei Feierabendbiere am Tag. Und – offen gesagt – dass die Mütter sich nicht beteiligen, ist der Preis, den man dafür zahlt, dass sie gar nicht da sind. Wenigstens liegen sie mir so nicht auch noch auf der Brieftasche, sonst wäre diese noch flacher.
Sparen ist verantwortungsvoll
Unter dem Strich ist es günstiger, die Kids bei sich zu haben. Wer zahlt, hat immer auch die volle Kostenkontrolle. Wie bei der Arbeit auch: Ohne Nimbus-Schlüssel kommst du nirgends hin. Wenn die Zeiten hart sind, darf man die Schraube schon etwas anziehen, dass es die Däumlinge spüren. Wie? Einfach weniger ausgeben. Selbst wenn dir dein Carli lieb ist, gibt es immer Discountlösungen. Aber man muss wissen wo. Das haben mir meine Chefs beigebracht. Im Hallenbad zum Beispiel nehmen wir das billigste Sprungbrett. Was kann passieren, wenn es brechen sollte? Nichts, jemand wird runterfallen, der das eh vorhatte.
Kriminelles Risiko nehmen
Kinder verstehen nur die harten Devisen. Also setz Carli auf das Minimum. Du wirst sehen: Wenn er merkt, dass die Ressourcen knapp werden, ist er plötzlich genügsam wie ein Becher Kaffeerahm. Wie mein Ältester Sebastian, der ja eigentlich längst im Erwerbsalter ist. Er stürmte zwei Jahre lang wegen einem Skateboard. Und was tat er, als ich ihm eins schenkte, wo es endlich eine Fünferpack-Aktion gab? Er motzte nur wegen der Farbe, dieser undankbare Balg.
Gut, Kinder können auch kriminell werden. Ins Illegale abdriften. Aber das ist das Risiko. Und ich sage immer: Du musst das Risiko nehmen, wenn es kommt. Viele wissen nicht: Die eigenen Kinder nehmen einem viel mehr Geld weg als alle Einbrecher zusammen.
Meine Tochter Linda (18) raubt mir das Geld aus der Matratze, wenn ich schlafe. Da freue ich mich, wenn sie mal auswärts schläft. Man kann nie genug Verstecke haben für sein Portemonnaie.
Gratistipps und Hobby
Ein Tipp vom Fachmann, der für dich gar nichts kostet: Wenn mein Louis (10) Geld für blöde Sachen ausgibt, zum Beispiel Games, Schleckwaren oder Sammelbilder, muss er immer die Quittung heimbringen. Dann schicke ich das der Krankenkasse ein, die bezahlen das vom Kreuzfahrtkonto. Wir sind bei der Groupe Mutuel, die sind da grosszügig.
Aber man kann ja nicht unendlich immer mehr Geld verdienen wie ein Grübospel. Wenn du nicht genug zusammenkriegst, musst du halt noch mehr Risiko nehmen: Mach dein Hobby zum Beruf. Ich gehe ins Casino und nehme das dicke Portemonnaie mit. Das würde mir sonst zu Hause eh geleert. Und statt zu schlafen, verdiene ich spielend etwas dazu. Wenn ich verliere, Pech gehabt, bleibt alles beim Alten. Defizitspending ist voll im Trend.
Nur für Feliz (3) ist mir natürlich nichts zu teuer. Da mache ich schon einen Unterschied.
Meine Teuerste bleibt die Teuerste. Das ist im Herzen so und soll auch auf dem Papier so sein. Aber dieses Problem hast du ja zum Glück nicht, mit dem Carli allein. Also hast du schon wieder gespart, nämlich ein Problem. Bravo!

*Paulo Zedmic hat gleich viele Jobs wie Kinder – je fünf. Ein Monatslohn für jedes Maul, pflegt er zu scherzen. Sie möchten Herrn Zedmic etwas fragen, aber Sie reut das Münz für die Briefmarke?
Kein Problem. Posten Sie Ihre Frage im Kommentarmodus. Keine Angst, Herr Zedmic weiss Rat.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Finden Sie das lustig?

«Die zwölfte ist oft die frechste», erinnerte sich Hebamme Marianne in ihren persönlichen Memoiren. Das war halblustig.
Unsere drei Buben (12, 10 und 8) haben einen eigenartigen Humor entwickelt. Wir haben das Gefühl, dass sie uns dauernd auslachen. Was machen wir falsch? Sepp & Ida G. aus W.

Paolo Zedmic*: Ui, da seid ihr aber arm dran. Trotzdem muss ich schmunzeln, während ich diese Antwort schreibe. Schadenfreude ist halt immer ein sicherer Wert. Vielen, vielen Dank für diese aufmunternde Zuschrift!
Man arbeitet ja so selten mit einem Lachen auf den Lippen. Als Abwart beim ‹Nebelspalter› bin ich besonders allergisch auf «Practical Jokes». Da verstehe ich überhaupt keinen Spass. Jeden Montagmorgen lese ich vom Vorplatz des Medienpalasts die Dinge zusammen, welche die Nachtbuben am Wochenende verschleppt haben. Und wenn mir jemand Unrat gezielt ins Hallenbad schmeisst, dabei betreiben wir ja definitiv gar keine Abfallgrube, dann frage ich mich ernsthaft: Wer findet das lustig?
Gratiswitze im Kopf
Kindsköpfe wahrscheinlich. Kinder haben ja so einen zerstörerischen Humor, richtig gemeingefährlich, fast schon britisch. Oder ist das nur in meiner Familie so? Meine kleine Feliz Saionara (4) zerstört auch schon gezielt ihre Spielsachen, wirft Essen an die Wand (bissweise) und haut mit der Schere Galgenzinken in alle Möbel (zu Hause, bei der Arbeit und beim Besuch). Und dann lacht sie wie ein Nilpferd! Ich weiss also, wie das ist. Zur Genüge! Ich weiss auch, dass meine Linda (19) nachts gern in fremde Gärten steigt. Offiziell weiss ich nichts davon, denn das dürfte ich ja gar nicht tolerieren.
Aber es ist mir zu Ohren gekommen, dass sie Witze an Wände sprayt. Zum Beispiel «Eintritt frei» oder «Kommt alle, es ist gratis!». Sie findet das zum Lachen. Ich verstehe ihren Humor leider nicht.
Schlüssel verlegt
Man muss die Jugend aber manchmal einfach machen lassen. Wer hat nicht gern Dinge kaputt gemacht, als er klein war? Der werfe den ersten Stein in die Glasfront der Turnhalle. Ist es das Problem der Jugend, dass die Glaselemente an modernen Schulgebäuden immer immenser werden? Natürlich reizt das den übermütigen Ehrgeiz der Jugend, so eine Riesenpanzerscheibe zu Bruch zu bringen.
Bestimmt haben auch eure Kinder einen Schlüssel zu ihrem Humor versteckt, irgendwo. Vielleicht solltet ihr mehr zusammen lachen? Gemeinsamkeit verbindet, gerade im Humorbereich. Lasst euch anstecken, lacht einfach mit, ungefragt! Oder versuchts gezielt mit Lach-Yoga.
Auch wenn es anfänglich gewöhnungsbedürftig ist: Da muss man nichts zu lachen haben, das ist sehr niederschwellig, geht mit Jung und Alt, ganz ohne Witze. Einfach laut «hahahahaha» machen. Wenn ihr nicht wisst, wie das geht, gibts ein Video auf Youtube zum Nachlachen.
Die endgültige Pointe
Seid froh, dass eure Kinder überhaupt noch einen Humor haben. Die habens ja nicht leicht auf dieser feindlichen Welt, der Druck überall, die Zerstörung, null Freiraum und nur zweidimensionale Perspektiven. Da darf man sie ruhig einfach lachen lassen. Die neue Witzigkeit steht der Jugend gut an. Eventuell sind eure Kinder sogar die Vorhut des Megatrends der nächsten Generation, nach der eher ernsten Generation Y. Die Generation Z ist schon auf der Welt. Und sie wird die Pointe sein!
Übrigens, wir habens ja gar nicht gemerkt, aber ich bin völlig überraschend vergangene Woche noch einmal schwanger geworden. Ist das lustig? Vielleicht. Aber ein Witz ist es nicht, garantiert. Gut, mein Honorar ist erschrieben, die Erklärung folgt das nächste Mal.

* Paolo Zedmic (43) tritt ab und zu auch als Conférencier bei Privatanlässen seiner Facebookfreunde auf. Wenn es um die Honorarverhandlung für solche Auftritte geht, versteht er keinen Spass. Sie vermissen den Witz in dieser Rubrik? Schreiben Sie einen Kommentar!

Donnerstag, 20. September 2018

Dürfen meine Söhne mitten am Tag dösen?

Schockierende Szene aus dem Erziehungsalltag vom Rande der Gesellschaft: Zedmics Tochter hat kein eigenes Bettchen.
Meine Buben Nord (8) und Ton (6) sind ausgekochte Schlafkappen. Sie pennen nur und machen nichts – genau wie ihr Vater. Ist das nicht vergeudete Energie? Esther F. aus A.

Paulo Zedmic*: Nein, überhaupt nicht. Schlaf ist immens wichtig. Er tut dem Hirn gut. Und
der Schlaf ist die Traumschleuder Nummer eins, also auch produktiv. Ich selbst erlaube
mir immer, bei der Arbeit zu schlafen. Etwa im Hallenbad. Putzen kann ich dort eh erst
am Schluss, wenn alle wieder weg sind. Und sollte jemand untergehen, hört man das sowieso
nicht. Da kann ich mich grad so gut erst vom Geschrei danach wecken lassen.
Kur im Kopf
Verschlafen ist auch gut, weil sich viele Dinge von selbst erledigen. Zum Beispiel ärgerliche
Einladungen zum Elternabend. Einmal drüber schlafen und schon hat man sie bedauerlicherweise
vergessen. Vorbei ist vorbei: Ein Problem weniger!
Das ist alles psychisch, sagt mein Freund Basil, der Philosoph: Wenn der Schlaf nicht
im Kopf stattfinden würde, könnte man sich ja einfach hinlegen, die Glieder strecken und
die ganze Nacht wach Musik hören (Okay, mein Ältester Sebastian macht das so, aber
der wohnt zum Glück nicht mehr zu Hause).
Schlafen jedoch macht schön, gescheit und ausgeglichen. Es ist also im Grunde gut – sowohl
für die Kleinen wie die Grossen. Lass deine Buben pennen!
Ohne Regeln Ruhe
Der Schlaf hat nur einen Haken: Man kann ihn nicht gut befehlen. Manchmal lärme ich
deshalb einfach: «Hör auf einzuschlafen!», um das Gegenteil zu erreichen. Aber das ist
schon höhere Kunst. Strikte Schlafstunden sind sowieso blöd. Kinder brauchen ihre
Freiheit. Und die Naturkraft Schlaf nimmt sich, was sie braucht. Mein kleiner Sonnenschein
Feliz schläft jeweils im Putzwägeli versteckt, wenn ich mit ihm durch den
‹Nebelspalter›-Medienpalast tingle, um die Papierkörbe zu leeren. Der Vorteil ist: Sie
stört so nicht, ist ruhig und macht keinen Unfug. Der Nachteil: Manchmal bleibt sie
dafür die ganze Nacht wach und stört ihre Brüder beim Gamen. Genau, und das geht
nur in der Nacht, wenn man mit den Amerikanern online Krieg spielen will.
Fiebrige Abwehrtechnik
Selber bin ich dann ja nie daheim. Das ist mein eisernes Prinzip: Lass deine Kinder
nachts in Ruhe. So kriege ich Zeit für meine Hobbys. Sowieso: Das zählt zu meinen
schönsten Momenten mit den Kindern.
Wenn ich gegen Morgen von einer verrauchten Pokernacht nach Hause komme und unverhofft
einem Spross begegne. Sei es Linda, die eingenickt im Treppenhaus sitzt. Oder
dem schlafwandelnden Louis.
Das ist viel angenehmer, als wenn Achim später heimkommt, laut und betrunken. Der
macht mehr Radau als unser Nachbar Joe. Und der wirft morgens um vier den Tumbler
an und streitet mit seinen Kids vor dem Kühlschrank gern um die letzte Glacé – immer
um ein Uhr, wenn ich zum Glück nie da bin, wie mir meine Kinder erzählen.
Gegen Nachtruhestörer gibt es gute Abwehrsysteme. Ich habe auf dem Balkon einen Schlauch mit Eiswasser montiert. Damit beruhigt man laute Plauderer im Innenhof.
Aber in der eigenen Wohnung sind viele dieser Systeme zu nichts nutz. Darum
arbeite ich fieberhaft an der Entwicklung der Schlafpistole für das Kinderzimmer. Mein
Freund Peter, der Polizist, hat mir für diese Experimente einen Taser geliehen. Es klappt
schon ganz gut, aber die Krux ist die Dosis. Um auf dem Markt eine Chance zu haben,
muss das Ding bedenkenlos auch bei Kleinkindern angewandt werden dürfen. Irgendwann
werde ich die Lösung träumen: Denn den Seinen gibts der Herr im Schlaf!

* Paulo Zedmic feiert es als persönlicher Triumph, dass er weniger schläft als die
beiden legendären Kurzschläfer Christoph Blocher und Alexander Pereira zusammen.
Er ist froh, dass er nur ein Viertel so alt ist wie die beiden (43) und noch nicht unter Bettflucht leidet. Ihnen schläft beim Erziehen das Gesicht ein? Fragen Sie Zedmic!

Montag, 17. September 2018

Die Zukunft ist bei Jesus - aber rauchfrei bitte

In diesem Auto darf man auch Zigarren rauchen: Der Tata nanon erinnert ein bisschen an einen erschwinglichen Tesla.
Die Methode Willenskraft kann natürlich nicht allein funktionieren. Doch in Kombination mit Schlaftherapie, Ersatzdrogen, Kompensation mittels Zucker und Kamille und viel Sex klappt es oft.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Was soll ich nur anziehen?!

Zelophan kommt immer gut. Die roten Halbschuhe aber sind durch den alten Papst inspiriert. Das ginge heute nicht mehr.
Unser Familienklima ist belastet: Das unstete Wetter provoziert ständige Garderobenkämpfe. Tim (9) und Edwin (7) wollen kurze Hosen tragen. Ist es schon warm genug? Hans Y. aus Z.

Paulo Zedmic: Es kommt auf das Wetter an. Weil es ja nie das macht, was die Medien erzählen, habe ich mir abgewöhnt, Prognosen zu gucken. Ich zappe weg, wenn eine Karte ins Fernsehbild kommt. Da kann die tänzelnde Dame davor noch so kokett winken, ich bleibe kühl. In meinem Overall bin ich gut gewappnet gegen alle Wetter. Für nasse Arbeiten, etwa im Hallenbad oder beim Altpapiersammeln im Regen, habe ich einen zweiten Overall aus Neopren. Sicherer als jede Wettervorhersage ist eins: Meine Feliz kommt immer mit zur Arbeit. Wenn ich wirklich raus muss und es Katzen hagelt, wickle ich meine Regenprinzessin in Zellophan ein. Ich mache es ihr als Feenverkleidung schmackhaft, das findet sie lässig. Und so bleibt sie trocken und sieht erst noch toll aus. Wobei der Look für sie wichtiger ist als für mich. Ich halte mich an die offiziellen Stilrichtlinien des Abwartverbandes: ‹Form follows function›.
Frösteln mit Lerneffekt
Feliz freut sich auch immer viel zu früh auf den Sommer. Sie wollte schon barfuss raus, als auf dem Trottoir noch Schnee lag. Feliz meint, sie kriege keinen Husten mehr, wenn sie ihn schon hat. Wir Erwachsenen dagegen meinen gern, wir wüssten besser, was Kinder anzuziehen haben. Dabei ist es ganz anders. Das Kind ist von Natur aus störrisch und muss eine Ohrenentzündung einfangen, bevor es den Ohrenwärmer schätzen lernt. Diese wertvolle Erfahrung muss es unbedingt selber machen. Deshalb lasse ich sogar meinen Sonnenschein einmal im Jahr ins Kaltwetter laufen. Wenn Feliz schlottert, gebe ich ihr meine Jacke extra nicht. Sie würde sie sowieso nicht nehmen – sie findet die Farbe hässlich.
Nun zu euren Grabenkämpfen vor dem Anziehschrank. Das Problem ist, dass zu viele Leute über die Garderobe bestimmen wollen. Ich rate dir, in diesem Kampf forfait zu geben, dem Frieden zuliebe. Das Kind braucht freie Laufbahn, auch in der Mode.
Nichts Schlimmeres als ein Balg, dem man im stürmischen Gegenwind ansieht, dass es von der Mutter als Modepuppe missbraucht wird. Gut, meiner Linda, unterdessen 19, kann ich ja inzwischen gar keine Kleidertipps mehr geben. Sie ist überhaupt immer ein schlechtes Beispiel. Linda war schon als Kleinkind ein Punk. Heute lebt sie ja nicht von ungefähr in einer Baracke am Stadtrand. Sie kann sich in ihrem Aufzug schlicht nicht in Zentrumnähe sehen lassen.
Kleiderregeln im Wandel
Im Zweifelsfall also: Kurze Hosen ja! So können deine Buben stolz ihre Schrammen zeigen.
Das überhitzte Klima von heute ist ja ganz anders als einst. Lange Aufwärmphasen und einen Stichtag für T-Shirt-Wetter gibt es nicht mehr. Der Kleidungsleitfaden von Oma ist voll passé. Das merken die Kinder intuitiv: Die Jugend passt sich extrem schnell an die immer extremeren Wetterwechsel an. So klug ist sie eben, die natürliche Evolution! Im Klimawandel mit seinen Wetterlaunen gibt es nur eines: rasch reagieren, schnell umschalten.
Auch hier gilt: Laisser faire. In meiner 20-jährigen Erziehungserfahrung bin ich deshalb immer weiter nach rechts gerutscht. Von planwirtschaftlich protektionistisch bis radikal ultraliberal. Im Rückblick kann ich im Ergebnis keinen Unterschied feststellen: Die Kids machen eh, was sie wollen. Also kann man sie auch getrost machen lassen. Irgendwo muss es ja anfangen mit dem Selbstständigwerden – warum nicht bei der Garderobe. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass du ein Problem weniger hast. Bitte!

Paulo Zedmic (42) trägt bei allen Jobs das gleiche extravagante Mint-Kombi. Es ist auch ein ideales Gewand für die Kindertage.

Mittwoch, 6. September 2017

Darf mich mein Kind krank machen?

Das quadratische Format ist Geschackssache: Aber das kann man ja auch von den Texten des Herrn Zedmic sagen.

Es ist zum Kotzen: Meine Tochter Lina (5) ist zwar lieb, aber ständig krank. Wenn sie
nicht erkältet ist, verstaucht sie sich etwas. Haben Sie ein Mittel dagegen?
Grete H. aus B.

Paolo Zedmic: Natürlich. Das meine ich im wahrsten Sinne desWortes. Also ohne Chemie.
Mit der Pharma ist es ja wie mit der Polizei: Niemand liebt sie, aber wenn man sie mal braucht, ist sie nie da. Also brauche ich nur Naturheilmittel. Und ich halte mich an die Gesetze der Natur: Es gilt das Recht des Stärkeren, und zwar auch im Kampf gegen Viren. Deshalb musst du dein Kind anstecken,
bevor es dich erwischt. Denn nur der Fitteste überlebt!
Krankhafte Logik
Ich weiss ja, wiedas ist. Mein jüngstes Herzamöbchen Feliz (3) hat auch immer den Schnupfen. Sie leidet dazu auchunter einem sturen Kopf. Den hat sie allerdings nicht von irgendwelchen Viren, sondern von ihrer Mutter. Und diese Sturheit ist unheilbar!
Ausserdem kann sie bereits jetzt den Sommer kaum erwarten. Kurzundgut: Die Kleine hat so viele Gebrechen in ihrem zarten Alter, dass es mir doch wirklich fast den Herzknochen bricht. Wenn ich also mit Fiebermesser und Essigwickeln an ihrem Bettrandsitze, sage ich ihr zärtlich ‹Feliz, mein Hypochondrinchen›. Fremde Wörter sind eines der wenigen Gebiete, wo ich bei ihr noch punkten kann. Ich sage also ‹Feliz, mein Glücksbakterium, du kannst jetzt nicht baden gehen, wo du so krank bist.›. Doch sie will raus, um jeden Preis, am liebsten nur in der Badehose.
Leider kann sie schon argumentieren, und etwas Tobkraft hat sie stets übrig, selbst im Fiebertraum. Ach, diese Altklugheit, noch so eine chronische Kinderkrankheit. Bleich wie ein Leintuch hüstelt also mein kleines Alles: ‹Ich bin ja schon krank, dann kann ich nichts mehr kriegen.› Als ich mich anschliessend bei meinem Freund Basil ausweine, tröstet er mich. Die Logik sei eine der schlimmsten Epidemien der Menschheit.
Das hilft (kein Witz)
Gute Ratschläge sind noch günstiger als Generika, nämlich gratis. Ich verrate darum mein Mittel gegen alles,was weh tut: Scherze! Lachen ist die beste Grippenprophylaxe. Meine Grossmutter konnte sogar Cholerabazillen und Pesterreger verscheuchen, wenn sie nur mit ihren Zähnen blitzte. Sie hatte eben einen Goldzahn und mehrere schwarze Zahnlücken. Geheimrezept! Deshalb bin ich bis heute so robust.
Funktioniert das Vorbeugen aber nicht, musst du dich an den schönen Nebeneffekten freuen: Ist dein Kind immer krank, musst du nie arbeiten! Wer nimmt es einer Mutter mit krankem Kind übel, einen Tag blauzumachen? Niemand! Pass aber auf, dass du dich nicht gewöhnst an das Schwänzen mit gutem Gewissen. Als mein Sebastian klein war, ging seine Mutter Yvonne sogar soweit, ihm ab und zu etwas ins Essen zumischen, damit sie bei ihm zu Hause bleiben durfte.
Verstehenwir uns richtig: Ich war das nicht. Sie tat es auch nur einmal. Und Yvonne ist sowieso eine höchst zweifelhafte Person, aber das gehört nicht hierher. In meinen vier Scheidungskämpfen habe ich das Wichtigste gelernt: Zeige nie eine Schwäche. Sonst wird das nur ausgenutzt. Egal, ob vom Scheidungsanwalt der verflossenen Frau oder vom Schnupfenbazillus. Beide kennen keine Gnade. Sei also lieber auf der Hut und sei froh, solange nur Lina krank ist, und du noch nicht, Grete. Denn das Domino des Teufels lacht am Schluss immer.
Das ist einfach so. In diesem Sinne: gute Besserung!

Paolo Zedmic (42) ist als Frohnatur gegen viele Übel der Welt immun. Nur gegen die Arbeit kennt er kein Rezept.

Samstag, 15. Juli 2017

Muss ich meinen Sohn ins Ziel prügeln?


Klimakatastrophal: Schon im Jahre 2012 gab es Helikoptereltern mit Rabenklauen, besonders im Winter waren sie aktiv.
In den Skiferien widme ich mich ganz meinem Sohn Phil (5). Er ist mein ein und alles. Leider entsprechen seine Fortschritte im Schneesport nicht meinen Zielen. Haben Sie einen Tipp?
Alf H. aus B.


Sogar vier. Lass mich dir aus Erfahrung plaudern. Mein ältester Sebastian war ein Naturtalent. Ein geborener Skirennfahrer! Er hatte nicht nur 21 Jahre Vorsprung auf deinen Phil (wegen der früheren Geburt 1986). Aber Seb war auch schneller unterwegs im Schnee, in jedem Sinn. Nur eines hattte Sebastian leider nicht drauf: das Bremsen. Aber das soll ein Rennfahrer ja auch nicht. Deshalb war meine Freude gross. Und es wärmt mein Herz heute, wenn ich daran denke, dass es eine Zeit gab, in der ich mir noch Skiferien leisten konnte. Und wo ich eine normale Familie hatte. Drei Köpfe, ganz ohne Kleister, oder wie sagt man?
Direkte Wege
Jedenfalls stand ich an der Seitenlinie hinter der Abschrankung und schaute, wie mein Super-Seb die Buckel runtersauste, ohne Rücksicht auf Hindernisse und Stürze. Was will ich dir damit sagen? Ich hatte kein Ziel, und mein Sohn zeigte mir trotzdem den Weg: Direkt den Berg hinunter. Mein erster Tipp für dich: Steck deine Ziele tiefer, dann sind die Chancen grösser, dass dich dein Nachwuchs überrascht. Dass Sebastian dann später im Leben neben der Piste manche Kurve nicht gekriegt hat, ist ein anderes Thema. Aber zurück in den Schnee.
Wetterfaktor
Zum Glück habe ich Beispiele mehr als genug im Haus. Ich will ein weiteres brauchen: Linda etwa, sie war im Skifahren eine Nuss. Dabei ist sie sonst in allem sehr hoch begabt.
Aber sie ist vom Naturell her eher auf der düsteren Seite. Sie mochte das Grelle nicht, der Schnee war ihr schlicht zu hell. Deshalb war unsere Familienferienstimmung in jener Zeit, als sie das Skifahren umkurvte, nicht mehr immer eitel Freude. Mein Tipp Nummero zwo: Das Wetter muss stimmen. Kannst du das beeinflussen? Nein! Also. Aber ich warte, bis die Sonne scheint, um den Rasen zu mähen. Und ich sperre ihn ab, wenn es regnet. Klar?
Einfädler und Verschneider
Vielleicht liegt es ja am Material. Wie viele Franken hast du schon in die Ausrüstung gesteckt? Egal! Matchentscheidend sind die Muskeln. Wenn dein Phil schlecht aussieht im Schnee, so ist er nur ein Spiegel von dir!
Er hat deine Gene, nicht? Deshalb ist er vielleicht nicht so gut, wie du ihn gern hättest. Vergiss die Illusion, dein Sohn sei aus besserem Holz geschnitzt als du. Schmink sie dir ab, Alf. (Das war mein dritter Tipp.)
Mach mal Pause
Bei meinem Mittleren, Achim, hatte ich schon resigniert. Obwohl er mit seinem Gewicht in der Abfahrt einen Vorteil hatte. Zudem liegt Achims Schwerpunkt natürlich tief, das ist auch beim Carving ein Wahnsinnsvorteil!
Aber als er ins Skischulalter kam, konnte ich mir keine Ferien mehr leisten.
Deshalb, hier kommt mein letzter Tipp, und er ist ganz gratis: Wenn du deinen Phil nur die ganze Ferienzeit beschattest und sonst das ganze Jahr nie siehst, kann er sich ja gar nicht aufs Skifahren konzentrieren. Das bringt ihn durcheinander!
Entweder du feilst das ganze Jahr über täglich an seiner Form. Oder du lässt ihn auch in den Ferien freeriden. Am besten du machst einfach mehr Ferien. Ich bin sicher: Das wird euch beiden noch viel Freude machen, bevor dein Phil Geschmack am Après-Ski findet und dir davonsaust. Auf Nimmerwiedersehen wieder.


Freitag, 14. Juli 2017

Soll ich meinem Kind was schenken?

Soziale Stärke zeigt der moderne Mann vorab bei der Pflege seines Schnurrbartes.
Mir wurde nie etwas geschenkt, ich habe mir alles selbst erarbeitet. Nun stresst mich das Weihnachtsfest: Bin ich zu Geschenken für meine Kinder verpflichtet? Sylvie C. aus K.

Paulo Zedmic: Ja, liebe Sylvie. Schenken ist das grösste Geschenk für Eltern: Du kannst dein Kind wirklich glücklich machen. Wann gelingt das sonst? Sogar mein Teufelsbraten Louis kriegt zur Weihnacht immer ein Geschenk.
Obwohl er keins verdient hätte, nie im Leben. Aber er hat so gern Tiere. Und ich habe im Keller Überfluss an Ratten. Ich fange eine ein, male sie hübsch an und verpacke sie schön. Fertig ist ein Kinderglück. Für meinen Sonnenschein Feliz könnte ich viel mehr Geld ausgeben. Sie wünscht sich seit Jahren ein Pony. Aber ich bin nicht blöd. So ein Tier frisst nur und stinkt. Und was ein Pony kann, kann ich schon lange. Deshalb darf sie auf mir reiten. Ich bin das Pony, verstehst
du? Ich bin das glücklichste Geschenk, das es gibt.
Schenken tut nicht weh
Warum magst du überhaupt keine Geschenke machen? Du darfst nicht denken, so wie
du denkst! Basil, der Philosoph, hats mir erklärt: Beim Schenken ist alles umgekehrt wie
sonst immer. Du zahlst nichts. Du gibst nicht zurück, was du gekriegt hast. Sondern du
musst zuerst schenken. Aber nichts dafür erwarten, das ist der Witz! Dann bekommst
du vielleicht auch einmal ein Geschenk.
Aber nur, wenn du keins willst, sagt Basil. Das ist schwierig, ich weiss. schwierig zum
Verstehen und zum Denken. Aber du solltest es ausprobieren. Dann wird dein Leben sicher weniger schlimm.
Überraschung für alle
Oder weisst du nicht, was schenken? Im Karl Josef Wagner-Katalog hat es ganz viele Ideen. Ich mach das immer so: Ich nehme die Bestellkarte heraus und lege sie auf die Seite. Dann werfe ich den Katalog so lange an die Wand, bis ein paar Seiten herausflattern.
Wenn zu lange nichts kaputt reisst, kannst du den Katalog auf den Tisch hauen, bis die Zettel flattern.
Schmerzfrei bestellen 
Dann nimmst du so viele Fötzel vom kaputten Katalog, wie du Geschenke brauchst. Mindestens eins pro Kind. Wie viele Kinder hast du überhaupt, Sylvie? Sagst du es nicht oder weisst du es nicht genau? Man kann schon die Übersicht verlieren, gell. Guck jetzt nur auf die Bestellnummer, nicht auf das Bild, nicht auf den Preis. Dann schreibst du die Nummer blind auf die Bestellkarte.
Gut. Du hast keine Schmerzen, oder? Und das Beste am Trick ist: Du wirst selber eine Überraschung erleben, weil du ja gar nicht weisst, was du bestellt hast. Kommt ein Plüschelefant, ein ferngesteuerter Heli oder eine Puppe im Tarnanzug? Freue dich!
Der Trick der Danäer
Hast du etwa Stress, weil du arbeiten musst über die Festtage? Mein Chef beim Hallenbad Blumenwies hat uns immer freigegeben. Das war das schönste Geschenk! Einmal war ich aber auf dem Dienstplan. Da habe ich dem Chef eine Reise geschenkt, ganz weit weg, last minute, Abflug am 23. Dezember. Das tat meinem Portemonnaie weh, aber dafür war er dann nicht da, wo ich auch nicht da war. Capito?
Lieb und teuer
Und meine Linda, die wollte immer ein Handy. Da hab ich ihr gesagt: Gut! Ich hole ihr so ein Gratis-Handy beim Shop. Das kostet nichts, ich mache Linda eine Freude. Und sie muss dann gucken, wie sie die Rechnung bezahlt. Das ist nicht mein Problem, ausser wenn sie mir das Geld aus dem Portemonnaie klaut. Aber das ist eine andere Geschichte. Am Fest der Liebe ist alles gut. Also auch jedes Geschenk. Ich wünsche dir, liebe Sylvie, ein frohes Fest!

* Paulo Zedmic ist Teilzeit-Abwart und Hausmann. Er ist Vater von fünf Kindern mit fünf verschiedenen Müttern.